8. Auf Messers Schneide

Collage Athene und Zeus

EPISODE 8 | STAFFEL 3

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Hallo, ich bin Bertram, host des podcasts »Gelassen älter werden«. Ich spreche mit Menschen über das Älterwerden. Mit Psycholog:innen, Philosoph:innen, sogar schon mit einem Mönch. Und jetzt packe ich mein Equipment zusammen und fliege zum Olymp.

Marie hatte das so beiläufig gesagt, als würde man eben mal in die Stadt fahren: „Komm doch mit zu einem After-Work-Abend auf den Olymp. Kairos wird sich freuen.“ Ich hatte halbherzig gelacht. Dann war die Einladung per E-Mail gekommen – mit Uhrzeit, einer kurzen Wegbeschreibung und dem Hinweis: »Bitte pünktlich sein. Pegasus wartet nicht.«

Ich stehe also auf einer freien Wiese am Stadtrand und warte. Auf ein geflügeltes Pferd. Unglaublich. Da landet Pegasus mit einer Eleganz, die ich nicht erwartet hätte. Die Hufe kaum hörbar auf dem feuchten Gras. Marie sitzt auf seinem Rücken, winkt mir zu. „Steig auf“, sagt sie. „Und halt dich gut fest.“

Der Aufstieg ist wunderbar. Die Luft ist angenehm warm, die Sonnenstrahlen tanzen auf den Wolken unter uns. Ich sitze hinter Marie und halte meine Tasche gut fest. Unter uns schrumpfen die Dächer von Marburg zu Spielzeug.

Der Olymp erscheint aus dem Nichts. Ich schaue. Und schaue nochmal. Auf halber Höhe ein Gebäude wie im Märchen. Marmor, Gold, Licht, das aus keiner erkennbaren Quelle kommt.

Pegasus setzt uns ab. Marie führt mich durch das leere Vestibül, polierter Boden, Öllampen, irgendwo Lyraklänge und flüstert: „Kairos wartet in einem der Seitenräume. Ich lasse euch allein.“ Dann ist sie weg. Ich atme einmal durch, richte mein Equipment und gehe auf die Tür zu.“

Nach dem Gold und dem Marmor draußen hätte ich hier – keine Ahnung – Säulen erwartet. Vielleicht einen Thron. Stattdessen: zwei Stühle, ein Tisch. Kein Schmuck, kein Licht ohne Quelle. Fast wie ein gutes Interviewstudio.

Kairos steht am Fenster, schwarze Hose, weites weißes Hemd. Über der Stirn fällt ihm eine markante Tolle ins Gesicht. Marie hatte sie einmal erwähnt. Jetzt verstehe ich warum. Kairos ist barfuß. Ich bemerke kleinen Flügel an seinen Fersen. Sie bewegen sich leicht, als würde er gleich losfliegen.

Er dreht sich um und streckt mir die Hand entgegen. „Bertram. Herzlich Willkommen. Marie hat schon von dir erzählt.“ Sein Händedruck ist fest, sein Blick direkt. Die Art von Blick, die einem das Gefühl gibt, vollständig gesehen zu werden, und das in weniger als einer Sekunde. Einen Moment lang weiß ich nicht, wohin mit mir. Dann ist es vorbei, und wir sitzen einfach da.

Ich packe mein Equipment aus, richte mein Mikrofon und räuspere mich. „Darf ich aufnehmen?“ Er lacht leise. „Ich bin der Gott des Augenblicks, Bertram. Keine Ahnung, ob sich meine Stimme konservieren lässt.“

Ich drücke trotzdem auf Aufnahme. Wo fange ich jetzt bloß an mit meinem Interview?

„Kairos, du wirst auch der Gott der qualitativen Zeit genannt. Was verstehst du darunter? Und was unterscheidet deinen Moment von dem, was Chronos misst?“

Kairos antwortet mit einem breiten Lächeln: „Du sagst es: Chronos misst. Das ist sein Wesen. Aber weißt du: Chronos misst alles gleich, eine Stunde ist eine Stunde. Eine Stunde Langeweile ist für ihn dasselbe wie eine Stunde, in der jemand auf das Ergebnis einer Operation seiner Liebsten wartet oder eine Stunde Liebesspiel. Dabei sind das doch große Unterschiede.“

Ich nicke. Ja, das kenne ich nur zu gut. Mir fällt sofort die Stunde ein, in der mein Vater mich anrief und sagte, dass es Zeit sei zu gehen. Diese Stunde dehnte sich in mir aus wie ein ganzer Lebensabschnitt. Und zugleich vergingen seine letzten Tage, unser Gehen um den See, unser Lachen, unsere Umarmungen, viel zu schnell.

Kairos fährt fort: „Ich bin kein Taktgeber. Ich lebe nicht in Zeiträumen. Ich lebe im Moment. Ich schenke Euch Menschen den günstigen Augenblick. Aber Ihr müsst schnell sein. Und mutig. Wer wartet, bis eine Gelegenheit sich als offensichtlich erweist, wartet zu lange.“

Ich muss innerlich lachen. „Die Gelegenheit beim Schopfe packen“. Diese alte Metapher – und jetzt sitze ich ihrem Ursprung gegenüber. Ich schaue auf seine Tolle. Natürlich. Man muss ihn schnell fassen.  Wer ihn ziehen lässt, hat nichts mehr, woran er ihn fassen könnte. Und das Rasiermesser, das er in alten Darstellungen hält – jetzt begreife ich das auch: „Auf Messers Schneide.“ Der Moment ist schmal. Messerscharf. Er duldet kein Zögern.

„An Marie scheinst du ja einen Narren gefressen zu haben.“ sage ich. Kairos gluckst. „Ja, das bildet sie sich zumindest ein. Aber ich führe keine exklusiven Beziehungen. Ich bin für alle Menschen da. Wenn sie denn nur wollen.“

Ich merke, dass ich aufatme. Ich hatte Marie beneidet um diese Nähe zu jemandem, der einem göttliche Momente schenkt. Aber Kairos gehört nicht Marie. Er gehört niemandem. Er verschenkt seine Gunst an jeden, der offen genug ist, sie anzunehmen.

„Woran liegt es denn, dass dich so wenige Menschen kennen?“ frage ich ihn.

Kairos antwortet ohne zu zögern: „Planung, Planung. Zu viel Planung. Nicht weil Planung schlecht wäre, Athene plant zum Beispiel hervorragend, und ich schätze sie aufrichtig. Aber Menschen planen so dicht, dass für mich kein Raum mehr bleibt. Ich benötige Lücken. Pausen. Die unverplante Stunde, den Spaziergang ohne Ziel, das Gespräch, das keinen Termin hat.“

Ich verstehe. Kairos-Momente ereignen sich meist in den Zwischenräumen. In meinem Buch beschreibe ich genau solche Zwischenräume: einen Spaziergang um den See, diese absichtslosen Wegstücke, in denen plötzlich etwas in mir antwortet. Oft beginnt dort meine eigentliche Selbstwirksamkeit.

Kairos lehnt sich zurück, überlegt einen Moment: „Die meisten Menschen verpassen mich, weil sie entweder zu ungeduldig sind, mich erzwingen wollen, oder weil sie zu passiv sind, sie lassen mich vorbeiziehen.“

„Gibt es Rituale, die helfen, dir zu begegnen?“

Kairos überlegt: „Stille. Einfach mal nichts tun. Einfach da zu sein. Manche Menschen nennen das Langeweile und fürchten sie. Ich nenne es Empfangsbereitschaft.“

Er pausiert. Und fährt dann fort: „Neugier kultivieren. Wer nicht neugierig ist, sieht mich nicht. Ich komme immer als Überraschung.“

Ich erkenne mich eher im Ungeduldigen wieder. Der Macher in mir will planen, ordnen, Lösungen finden. Erst im Übergang in den Ruhestand habe ich gelernt, dass manche Augenblicke wachsen dürfen, bevor ich sie begreife.

„Letzte Frage: Was würdest du Menschen sagen, die dich und die anderen Götter, dieses ganze Olymp-Universum für Unsinn halten?“

Kairos hebt eine Augenbraue. Dann steht er auf, tritt ans Fenster und schaut in die Wolken.

„Ich würde sagen: Wenn du beim Lesen einer dieser Geschichten auch nur einmal gedacht hast: Wann habe ich zuletzt einen Moment wirklich ergriffen? Dann war ich in diesem Moment bei Ihnen. Nenne es Metapher, Gott oder innere Stimme. Der Effekt ist derselbe.“

Er wendet sich um. „Und jetzt“, sagt er, „sollten wir zu den anderen gehen. Die Party hat bereits begonnen. Und Chronos ist schon ungeduldig.“

Ich drücke auf „Stop“. Draußen, irgendwo hinter dieser Tür, warten die Götter auf mich. Ich glaube, ich bin bereit.