11. Auf ein Bier mit Eros und Kairos

Collage- Götter

EPISODE 11 | STAFFEL 4

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Ich sitze in meinem Wohnzimmer, höre Leonard Cohen und stöbere in meiner Kiste mit alten Fotos. Es klingelt. Es ist Freitagabend – wer wird da noch etwas von mir wollen?

„Ja bitte?“, spreche ich in die Gegensprechanlage.

„Hallo Marie, ich bin’s.“ Ah, mein Freund Kairos. Ich lächle. „Und ich bin auch dabei. Eros.“ Ich muss lachen. Drücke den Türöffner, flitze in die Küche und fische drei Flaschen Lammsbräu aus dem Kühlschrank. Und dann stehen die beiden da. Kairos, wie meist ganz in schwarz: Biker boots, baggy Jeans, einen weiten Pulli. Wollmütze, unter der vorne seine Haartolle hervorlugt.

Eros. Blonde Locken, blaue Augen, schmale Figur. Helle Chinos, schlichter blauer Pullover, Loafers an den Füßen. Auf dem Rücken seinen Köcher mit Pfeilen, in der Hand seinen Bogen.

Brav ziehen die beiden ihre Schuhe aus, nehmen auf der Chaiselongue Platz und schnappen sich ein Bier. Die Verschlüsse ploppen, wir stoßen an. Was die beiden wohl zu mir führt?

„Na, Marie, haben wir das nicht toll gemacht?“, strahlt mich Kairos an.

„Was toll gemacht?“, frage ich, obwohl ich genau weiß, worauf er hinauswill. Vor sechs Wochen hatte ich ein Mail erhalten. Von Rainer. Mit dem ich vor über dreißig Jahren ein Jahr lang in einer Amour fou gelebt hatte. Er sei demnächst in meiner Stadt. Ob ich ihn wiedersehen wolle. Ich wollte. Und so verabredeten wir uns im Le Bousquerey.

„Na, das mit Rainer“ sagt Kairos. Ich proste den beiden grinsend zu: „Ja, das habt ihr beide gut gemacht. Vielen Dank.“

Die beiden knuffen sich kichernd. „Weißt du eigentlich, wie schwer das war, in dem vollen Restaurant mit den Pfeilen genau zu treffen? Beinahe hätte ich den Kellner erwischt“, brüstet sich Eros.

Ich erinnere mich genau an den Abend. Wie ich das Lokal betrat und er dort saß.

Alt war er geworden. Und schmal. Mein Gott – fast dreißig Jahre waren vergangen.

Aber immer noch: Das Aufblitzen seiner Augen. Die Art, wie er den Kopf zur Seite neigte. Seine Stimme, seine Sprachmelodie. Wie er lachte.

Wir redeten stundenlang. Er sagte mir, wie sehr ihn das damals getroffen hatte – mein Weggehen, und vor allem, die Art und Weise, wie ich es getan hatte. Ich sagte ihm, dass es mir leid täte. Nicht das Weggehen selbst. Aber den Schmerz, den ich ihm damit bereitet hatte. Er schaute mich an: „Das ist schön, dass du das sagst.“

Nach dem Dessert wussten wir nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Die Frage hing zwischen uns.

Dann standen wir draußen. War das nicht genau der Moment?

„Ich möchte dich wiedersehen“, hörte ich mich sagen. Und damit war er auch schon vorbei, der Moment.

Kairos reißt mich aus meinen Gedanken. „Wir müssen los“. Mit diesen Worten erhebt er sich von der Couch. Mich ergreift Panik. Was, wenn das alles schon wieder vorbei wäre? Bevor es richtig angefangen hätte.

Eros hat sich ebenfalls erhoben. Fragend schaue ich die beiden an: „Werde ich Rainer wiedersehen?“

Eros schaut mich an. „Marie, ich habe beim letzten Mal für die Pfeilspitze ein Serum mit einer recht kurzen Halbwertszeit verwendet. Erhoffe dir also nicht allzu viel.“

„Warum?“ Mehr fällt mir nicht ein.

Eros kichert. „Ach, Marie, ein starkes Serum wäre doch sterbenslangweilig. Wo bleibt denn da der Spaß?“

Stumm begleite ich die beiden in den Flur. Kairos bückt sich, um seine Stiefel anzuziehen.

Das ist meine Gelegenheit. Blitzschnell packe ich ihn von hinten an seinem Schopf – ziehe ihn zu mir hoch: „Einmal noch. Hörst du Kairos. Einmal noch. Bitte.“

Kairos schreit und lacht zugleich. „Au, du tust mir weh. Ist schon gut, Marie. Du bekommst noch einen weiteren Augenblick.“ Ich lasse ihn los.

Dann sind beide fort. Ich räume die leeren Bierflaschen weg.

Drehe Leonard Cohen laut auf.

Dann wird es still.

Ich warte.

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