9. Endlich

Collage Athene und Zeus

EPISODE 9 | STAFFEL 3

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Ich bin Bertram, Host des Podcasts »Gelassen älter werden«. Ich spreche mit Menschen über das Älterwerden. In der letzten Episode habe ich Kairos interviewt. Und jetzt haben mich die Götter zu sich eingeladen. Sie haben Fragen an mich über die Endlichkeit der Menschen – und darüber, was sie mit ihnen macht.

Marie und ich betreten gemeinsam den Raum. Der ist kleiner als ich erwartet hatte. Ein paar Sessel, mehrere niedrige Tische, Wein. Die vier Gestalten erkenne ich;  Marie hatte sie mir beschrieben. Sie jetzt tatsächlich zu sehen, ist aber etwas ganz anderes. Athene in der Mitte, die Eule auf der Schulter. Neben ihr Chronos mit langem Bart, das Stundenglas in der rechten Hand, an der anderen das neueste Modell einer Smartwatch. Psyche ihm gegenüber. Kairos daneben, die Fersenflügel angelegt. Zwei Sessel sind noch frei. Marie und ich setzen uns.

Ich bin gespannt. Kein Aufnahmegerät, kein Mikrofon. Vier Götter, Marie und ich.

Athene lehnt sich vor. „Bevor wir anfangen – Thanatos lässt sich entschuldigen. Er kann heute nicht dabei sein.“ Marie beugt sich zu mir und flüstert: „Thanatos. Der Tod. Niemand setzt sich gerne mit ihm an einen Tisch. Selbst die Götter nicht.“ Ich nicke, ein Diener schenkt mir Wein ein.

Athene wendet sich an Marie und mich. „Wir haben eine Frage. Wir Götter sind unsterblich. Wir altern nicht. Eigentlich finden wir das wunderbar. Besonders Aphrodite, deren Schönheit niemals verblüht.“ Ein kurzes Lächeln. „Wir anderen fragen uns manchmal, ob uns das etwas kostet.“ Ihr Blick ist direkt. „Wie ist das, wirklich, zu wissen, dass die Zeit endet?“

Ich überlege einen Moment. „Natürlich wissen wir, dass wir sterblich sind. Aber wir tun so, als würden wir ewig leben. Wir planen, richten uns ein, schieben auf. Folgen einfach dem Lauf der Zeit.“

Athene wendet sich an Chronos und fragt ihn: „Chronos, die Menschen folgen dir wie keinem anderen. Wie hast du das gemacht?“ Er antwortet: „Ich wollte den Menschen etwas Gutes tun. Struktur. Rhythmus. Schenkte ihnen den Kalender. Die Uhr.“ Er dreht das Stundenglas in den Händen. „Den Rest haben sie selbst gemacht.“

Psyche blickt von ihrem Teller auf: „Als ich noch sterblich war, haben die Menschen noch  nicht so gelebt. Jede Stunde vollgepackt, jeden Tag optimiert.“ Sie schüttelt leicht den Kopf. „Das ist neu.“ Chronos zuckt mit den Achseln. Ihm scheint das egal zu sein.

Athene: „Und ihr denkt nie daran, dass es bald mit Euch aus ist?“ Ich überlege: „Doch natürlich. Ein einziger Satz, eine unerwartete Nachricht. Plötzlich steht sie wie aus Nichts da: die eigene Vergänglichkeit. Weil zum Beispiel ein Angehöriger überraschend verstorben ist. Weil man einen schweren Unfall hatte. Oder weil man krank geworden ist.“

Athene fragt: „Wann war das bei dir der Fall, Bertram?“

Ich erinnere mich: An das Sterben meines Vaters, natürlich. Aber es taucht auch eine andere Erinnerung. Eine aus meiner Kindheit. Stockend beginne ich zu erzählen:

„Ich war elf. Und ich erinnere mich daran, wie ich dort stehe und nicht verstehe, was ich sehe. Dietmar, mein 7jähriger Bruder liegt da, und ich habe nur gedacht, dass das nicht möglich ist. Dass er gleich wieder aufsteht. Aber er ist nicht aufgestanden.“

Ich nehme einen Schluck Wein. Schaue auf den Tisch.

Psyche stellt ihren Teller beiseite und legt eine Hand auf meinen Arm. „So etwas bleibt nicht ohne Spur“, sagt sie leise. Ich nicke, aber ich weiß nicht genau, warum.

„Ich kenne beide Zustände“, sagt sie. „Ich war sterblich. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich erinnere mich noch an dieses Gefühl – dass nicht alles geht, dass man wählen muss. Aber ich habe damals, als ich mich in Eros verliebte, darüber nicht viel nachgedacht. Ich wollte bei Eros sein. Für immer. Das war alles.“

Sie schaut durch die offene Terrassentür nach draußen. „Erst später habe ich verstanden, was ich dafür aufgegeben habe. Die Liebe war der Gewinn. Aber dieses Gefühl, dass jeder Tag zählt, weil er nicht selbstverständlich ist – das fehlt mir manchmal.“

Kurze Stille.

Kairos, der die ganze Zeit mit den Fersenflügeln gewippt hat, steht auf. „Eines verstehe ich nicht. Ihr wisst, dass jeder Tag zählt. Und trotzdem – ihr schiebt euer Leben auf. Verschiebt es immer auf später. Immer auf morgen. Wie geht das zusammen?“

„Weil der Gedanke zu groß ist“, sage ich. „Wenn man jeden Morgen wirklich fühlen würde, dass alles endlich ist, könnte man vielleicht nicht mehr leben.“​

Kairos runzelt die Stirn. Fährt sich mit einer Hand durch seine Tolle. Nimmt einen Schluck.

Ich schaue ihn an. „Du schenkst den Menschen den günstigen Augenblick. Aber was wäre der – wenn die Menschen ewig Zeit hätten?“​

Kairos denkt nach.

„Dann“, sagt er, „wäre der Augenblick –  nichts.“ Eine Pause. „Kein Mensch müsste ihn ergreifen. Es gäbe immer ein Später. Immer morgen.“​ Er schweigt einen Moment. Dann: „Ohne euer Ende bin ich bedeutungslos.“​

Marie beugt sich zu mir rüber: „Verstehst du jetzt?“

Dann richtet sie sich auf. „Ich habe so oft gedacht: der Zug ist abgefahren. Und dann habe ich mich doch noch getraut. Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Mit Mitte 40 zum ersten Mal auf einem Pferd gesessen. Master in Philosophie mit 60.“ Sie hält kurz inne. „Und ich fange immer wieder neu an.“

Chronos nickt kurz. Psyche lächelt. Kairos hebt sein Glas. Ich habe noch eine Frage an die Götter. Traue mich nicht. Aber wenn nicht jetzt, wann dann?

„Beneidet ihr uns um unsere Endlichkeit?“

Athene fährt mit dem Finger über den Rand ihres Helms. „Manchmal.“​

Alle schauen sie an.

„Ich habe gedacht, ihr verdrängt die Endlichkeit, weil ihr schwach seid. Aber das stimmt nicht.“
Sie schaut uns an.
„Ihr verdrängt sie, weil ihr sonst nicht leben könntet.“
Sie fährt langsam fort.
„Und wenn sie euch bewusst wird, verändert sie alles.“

Dann hebt Athene ihr Glas. „Lassen wir es für heute genug sein. Bertram und Marie, herzlichen Dank für Euren Besuch. Ihr Menschen, ihr seid schon komische Wesen.“ Eine kurze Pause. „Eine letzte Frage habe ich noch: Habt ihr Angst vor dem Sterben?“

„Ja“, sagt Marie.

„Nein“, sage ich gleichzeitig.

Wir schauen uns an. Dann lachen wir beide.

Chronos dreht das Stundenglas um. Kommentarlos. Als wäre das Antwort genug.

Kurze Zeit später setzt Pegasus mich wieder auf der Wiese bei Marburg ab. Was für ein Abend! Morgen schneide ich den Podcast mit Kairos. Und schreibe mit Marie unseren Blog. Ich bin gespannt, was daraus wird.