
EPISODE 12 | STAFFEL 4
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Nach unserem Abend im Le Bousquerey hatte ich nichts mehr von Rainer gehört. Auch ich hatte mich nicht mehr bei ihm gemeldet.
Wollte er? Wollte er nicht?
Ein Tag verging. Noch einer. Und noch einer.
Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Dabei hatte Eros mich gewarnt: kurze Halbwertszeit, erhoffe dir nicht allzu viel. Und Kairos, dem hatte ich zwar die Aussicht auf ein Wiedersehen abgerungen, aber völlig sicher sein, das konnte man bei dem nie.
Die Wochen zogen sich. Ich spürte, wie sich in mir die Enttäuschung einschlich.
Dann ein Mail. Von Rainer. Ob ich mit ihm ein Wochenende in Wien verbringen wolle. Im Grand Ferdinand. Eines müsse ich ihm jedoch versprechen: keine Ausstellung, kein Theater, keine Stadtführung. „Du kennst mich ja“, schrieb er.
Wien, Hauptbahnhof. Ich nehme die Straßenbahn Linie D zum Hotel. Durchs Fenster sehe ich für einen Augenblick eine Gestalt in schwarzer Jacke und schwarzer Wollmütze. Kairos?
Rainer ist schon einen Tag zuvor angereist. Wir treffen uns in der Lobby. „Hallo.“ Ein Kuss auf die Wange. Nicht zu nah. Nicht zu lange. Im Aufzug treffen sich unsere Blicke im Spiegel. Wir lächeln uns an.
Rainer schließt die Tür auf, geht als erster hinein, hält mir die Tür auf. Eine Suite in grau, silber und weiß. Ich hatte Rainer schon damals als großzügig erlebt, aber so luxuriös kenne ich ihn nicht. Er bemerkt meinen fragenden Blick. „Family and friends“, meint er lakonisch. Er kennt immer jemanden.
Ich stelle meine Reisetasche ab.
Wir beschließen, spazieren zu gehen. Es sind nicht viele Menschen im Stadtpark unterwegs. Die Wege wirken weiter als sonst, das Knirschen des Kieses lauter, das Licht klarer. Unsere Schritte finden schnell ein gemeinsames Maß.
„Wie geht es Daniel?“, frage ich.
„Gut“, sagt er. „Er hat sein Studium durchgezogen, sogar noch promoviert. Jetzt lebt er in Berlin und arbeitet als Politikberater.“
„Und ihr? Wie geht es euch miteinander?“
„Mittlerweile sehr gut.“ Er sagt es ruhig. Und nach einem kurzen Zögern. „Und seinen Partner mag ich auch.“ Ich warte, aber mehr kommt nicht. Das Schweigen zwischen uns fühlt sich gut an. Vertraut. Die Sonne scheint. Meine Beine hüpfen den Kiesweg entlang. Rainer lacht aus vollem Hals: „Marie, bist du immer noch auf der Echternacher Springprozession unterwegs?“ Ich lache ebenfalls und springe die so vertraute Sprungfolge: Drei Schritte vor, zwei zurück, abwechselnd nach links und rechts. Rainer schüttelt lachend den Kopf.
Wenige Minuten später sind wir aus dem Stadtpark raus, ich steuere das Café Sperl an.
Drinnen ist es warm und gedämpft. Holz, Spiegel, Samt. Es riecht nach Kaffee und nach etwas Altem, das gut gepflegt ist. Wir setzen uns an einen kleinen Tisch am Fenster. Zwei Kaffee. Ein Stück Esterhazy-Schnitte für die Dame, einen Cognac für den Herrn.
In der Mitte des Raumes ein Billardtisch. „Dürfen wir spielen?“, frage ich den Kellner. Er lächelt und räumt die Zeitungen vom Tisch.
Rainer hatte mir Billard beigebracht. Damals, vor fast dreißig Jahren.
Wir umkreisen den Tisch. Er geht langsam um die Kugeln herum, kalkuliert, beugt sich vor. Sein erster Stoß. Die Kugel läuft, trifft, fällt.
Dann ich. Die Kugel läuft ruhig über das Feld, zögert einen Moment am Rand – und fällt.
Na also. Rainer legt den Queue hin und kommt zu mir rüber. Zieht mich für einen Moment ganz fest an sich heran. Lässt wieder los. „Verlernt hast du offensichtlich nichts.“ Über eine Stunde spielen wir miteinander. Lachen viel. Streiten uns halbherzig über die Regeln. Und machen uns dann auf den Weg zurück ins Hotel.
Früher Abend. Ich sitze in der Hotellobby. Rainer ist noch auf dem Zimmer.
Mein Handy klingelt. Auf dem Display erscheint die Nummer des Pflegeheims, in dem meine Mutter lebt. Ich starre auf das Gerät in meiner Hand.
Wenn das Pflegeheim am Wochenende anruft, dann bedeutet das nichts Gutes. Wenn ich rangehe und es ist etwas passiert mit Mama, muss ich abreisen. Heute noch. Wien wäre vorbei. Alles wäre vorbei. Soll ich vielleicht – doch da habe ich den Anruf bereits angenommen. Mama ist dran. „Hallo Mariechen, hier ist die Mama. Ich wollte dir nur sagen, der Akku von meinem Handy ist kaputt, und mein Telefon leer. Und ich dachte, wenn du mich anrufst und ich nicht drangehe, machst du dir Sorgen. Darum habe ich Gisela gefragt, ob ich das Stationstelefon benutzen darf, um dich kurz zu informieren.“
Überschwänglich und ein wenig hysterisch bedanke ich mich bei der Mama. Wir plaudern kurz. Dann lege ich auf. Lehne mich zurück. Stecke das Handy weg.
Kleine Lustblasen wirbeln in meinem Bauch.
Für den Abend hat Rainer einen Tisch im Meissl & Schadn reserviert. Wir brauchen nicht lange für unsere Bestellung. Wiener Schnitzel, Kartoffelsalat, dazu ein Ottakringer Helles. Wir reden, erzählen uns aus unserem Leben. Wir halten es leicht.
Das Essen kommt.
Rainer nimmt einen Bissen, verzieht das Gesicht. Er dreht das Schnitzel um. Es ist von unten ziemlich angebrannt.
Ich halte kurz die Luft an. Früher hatte er bei so etwas immer ein riesiges Theater gemacht. Da war uns schon so manch schöner Abend gecrasht. Rainer legt die Gabel hin. Ruft den Ober. Zeigt ihm freundlich das Malheur. Der bittet um Entschuldigung, kündigt ein neues Schnitzel an. In der Zwischenzeit kommt ein frischer Teller – und wir teilen uns meins. Dann teilen wir uns seins.
Zum Abschluss wählen wir Powidltascherl. Der Ober fragt, ob wir zwei Portionen möchten. Wir schauen uns kurz an. Eine reicht. Zwei Löffel.
Die Tascherl kommen heiß, der Mohn dunkel und süß, ein bisschen Zimt. Wir essen langsam. Ich schaue Rainer an. Ob wir wohl – na ja. Wir werden es sehen. Genüsslich schiebe ich mir noch einen Löffel in den Mund.
Die Tür zur Suite fällt ins Schloss.
Rainer hängt sein Jacket auf den Bügel. Dann die Hose, sorgfältig gefaltet. Das Poloshirt. Die Schuhe, nebeneinander hingestellt. Dann verschwindet er im Bad. Ich sitze im Sessel. Schaue auf das große Ornament über dem Bett. Denke: Hoffentlich hat Eros das richtige Serum genommen.
Rainer kommt zurück und zieht mich aus dem Sessel hoch. Er sagt nichts. Langsam zieht er mir die lange Kette vom Hals. Dann die Ohrringe. Die Armbänder. Die Uhr. Ich hoffe, er hat einen Plan, ich jedenfalls habe keinen.
Oh.
Irgendwann, viel später, löse ich mich ein wenig, schaue ihn an und sage lachend:
„Hast offensichtlich nichts verlernt.“
„Na, Gott sei Dank“, antwortet er trocken – und zieht mich wieder zu sich heran.