
EPISODE 7 | STAFFEL 3
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„Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?“
Bertram Kasper sitzt mir in seinem Studio gegenüber. Er hostet den Podcast »Gelassen älter werden« und hat mich zu sich eingeladen. Wir wollen besprechen, wie wir das Älterwerden mithilfe einer neuen Perspektive auf die Zeit gestalten können.
Anfangs erzähle ich ihm vom griechischen Gott Chronos – dem Gott der linearen, unerbittlich verrinnenden Zeit – und von seinem Gegenspieler Kairos, dem Gott des rechten Augenblicks, der qualitativen Zeit, die wir ergreifen und nutzen müssen. Dabei berichte ich ihm auch von meiner ganz besonderen Beziehung zu Kairos.
Bertram lauscht meinen Ausführungen mit einer Mischung aus Faszination und leichter Skepsis. Ich spüre, dass er nicht so richtig weiß, wie er meine Geschichte einordnen soll. Aber er scheint Gefallen an ihr zu finden. Wie es denn zu meiner Begegnung mit Kairos gekommen sei, will er wissen.
„Wir haben uns über ein Dating-Portal kennengelernt“, beginne ich. „ich erinnere mich noch gut an unser erstes Treffen – damals hatte ich keine Ahnung, mit wem ich es zu tun hatte. Für mich war er nur ein interessanter Mann mit einer etwas mysteriösen Ausstrahlung. Dass er ein Gott war, sollte ich erst viel später herausfinden.“
Getroffen hatten wir uns im Restaurant Kulisse in den Münchner Kammerspielen. Kairos war mittelgroß und sein markantes Gesicht schien zeitlos zu sein. Gekleidet war er ganz in Schwarz, mit Biker-Boots und einem weiten Pulli. Unter seiner schwarzen Mütze kringelten sich vorne am Kopf ein paar Haarsträhnen. Etwas irritierte mich, dass er seine schwarze Wollmütze den ganzen Abend nicht abnahm. Was für ein seltsamer Mann, dachte ich.
Bertram ist ganz Ohr. „Und dann?“
Ich fahre fort. „Wir bestellten unseren Wein und begannen uns zu unterhalten. Er erzählte mir von Menschen, denen sich eine Möglichkeit aufgetan hatte, und die diese mutig ergriffen hatten. Und von einer Frau. Die jahrelang sagte: ‚Das Beste kommt noch.‘ Die Gelegenheiten kamen. Und gingen. Bis sie irgendwann nicht mehr kamen.“
Ich erzähle Bertram, wie ich jegliches Zeitgefühl verloren hatte und wir beinahe aus dem Lokal gekehrt wurden.
„Kairos begleitete mich zur U-Bahn. ‚Wie kommst du denn nach Hause?‘, fragte ich ihn am Bahnsteig. Er grinste mich an und antwortete ganz lässig: ‚Na, ich fliege.‘ Ich weiß noch, wie ich damals gekichert habe, weil ich seine Antwort so witzig fand.“
Bertram lacht: „Das ist ja eine fantastische Geschichte! Sag, wie ist es dann weitergegangen mit euch beiden?“
„Ein paar Wochen später besuchte er mich, und er blieb, nun ja, über Nacht. Da stellte ich dann fest: Der Kerl hat tatsächlich Flügel.“
Bertram lehnt sich in seinem Stuhl zurück, ein amüsiertes Lächeln auf dem Gesicht. Nach einer kurzen Pause fragt er: „Gibt es eine Möglichkeit, diesen Kairos auch einmal persönlich kennenzulernen? Vielleicht für ein Interview in meinem Podcast?“
Ich überlege kurz und sage dann: „Komm doch mal mit zu einem After-Work-Abend auf den Olymp. Kairos wird sich bestimmt freuen, dich zu treffen.“