
-EPISODE 6 | STAFFEL 2-
Ich stecke den Schlüssel in die Wohnungstür, trete ein und bleibe abrupt stehen. Der Duft von Curry hängt in der Luft, leise Ethno-Electro-Klänge fließen durch den Raum. Kairos wartet auf mich, schwarze Baggy-Jeans, Haartolle zu einem Knoten oben auf dem Kopf zusammengebunden, ein breites Lächeln.
„Liebes, ich habe ein spontanes Symposium über Sehnsucht organisiert.“
Ich lege Mantel und Tasche ab und folge ihm ins Wohnzimmer.
Auf der Ottomane sitzen Eros und ein Mann, den ich noch nie gesehen habe. Er lehnt am Rand, die Augen in die Ferne gerichtet.
„Pothos“, stellt Kairos ihn vor. „Gott des Verlangens nach dem Unerreichbaren.“
Wir begrüßen uns artig, dann geht Kairos mit mir weiter.
Die Frau am Fenster kenne ich: Aphrodite, die aus dem Schaum Geborene. Ihr spektakulär langes, goldfarbenes Haar ist zu einem lockeren Knoten gesteckt, ihr Chiton leuchtend korallenrot, weich und fließend. Ihre Schönheit ist so präsent, dass jeder Mann, der sie sieht, sofort von ihr eingenommen wird. Sie mustert mich abschätzig – eine alternde Sterbliche, uninteressant – und dreht sich gleich ab. Diese Bitch!
Neben ihr steht ein jugendlich lebendiger Mann, seine Energie sprüht förmlich aus ihm heraus. Kairos stellt ihn mir vor:
„Himeros – Gott der körperlichen Sehnsucht.“
Ich bin fasziniert, doch Kairos zieht mich weiter ans Fenster.
Ach ja, meine Freundin Athene, hoch aufgerichtet, in Rüstung und Helm, der Speer in der Ecke. Sie begrüßt mich mit einem freundlichen Nicken. Und Psyche. Psyche, die ehemalige Sterbliche, die durch ihre Liebe zu Eros und schier unvorstellbaren Prüfungen von Zeus zur Göttin erhoben wurde, umarmt mich herzlich.
Dann haucht mir Kairos einen Kuss auf die Wange.
„Ich kümmere mich mal um das Curry.“
Und schwebt in Richtung Küche.
Ich lasse mich in einen der Sessel fallen. Die Götter nehmen ihre Diskussion über die Sehnsucht wieder auf.
Himeros gestikuliert, seine Stimme sprüht Energie:
„Ich liebe es, wenn sich die Menschen von mir entzünden lassen, wenn sie brennen. Sehnsucht verschafft ihnen den nötigen Antrieb für ihr Leben.“
Athene zieht die Augenbrauen hoch.
„Ich finde, die Menschen überhöhen ihre Sehnsucht. Oft ist sie doch nur ein Schleier für ihre Bedürftigkeit.“ Ich schlucke.
Pothos wendet den Blick zum Fenster und wirft melancholisch ein:
„Die Sehnsucht deckt auf, was fehlt. Das ist für viele Menschen schmerzhaft. Sie fühlen sich verletzlich.“
Aphrodite verzieht abschätzig ihr Gesicht.
„Ach, die Menschen und ihr ewiges Sehnen. So leichtgläubig, so unbedeutend. Sie tun, was man ihnen vorgibt, und merken es nicht einmal.“
Ich bin verwirrt und blicke fragend zu Psyche.
So sicher war ich mir in meiner Sehnsucht gewesen – und jetzt? Alles nur Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse?
Eros schüttelt leicht den Kopf, seine Stimme ruhig, aber bestimmt:
„Aphrodite, nur weil du Sehnsucht nicht kennst, brauchst du nicht so abfällig darüber zu reden. Ich weiß, was Sehnsucht ist – seit ich mich an meinem eigenen Pfeil verletzt und in Psyche verliebt habe. Deine Eifersucht hat uns damals das Leben zur Hölle gemacht. Es war die Sehnsucht, die uns die Kraft gab, all deine fiesen Prüfungen zu bestehen.“
Psyche schaut zu mir, erhebt sich von ihrer Ottomane und setzt sich in den Sessel neben mir.
Sie hat meine Verwirrung bemerkt.
„Marie, die Götter kennen Zorn, Begierde, Hochmut, Schadenfreude. Aber die menschliche Ambivalenz von Sehnsucht – ihr brennendes Verlangen nach dem Unerreichbaren, die Mischung aus Hoffnung, Enttäuschung und das Glück der Erfüllung – das kennen sie nicht. Nur ihr Menschen könnt so etwas fühlen. Lass dich nicht beirren.“
Sie reicht mir einen Zettel. Ich öffne ihn und lese:
„Was sich nach Licht sehnt, ist nicht lichtlos, denn die Sehnsucht ist schon Licht.“
– Bettina von Arnim
Ich nicke und seufze wohlig. Es war ein langes Wochenende. Ich bin erfüllt und müde.
Kairos tritt aus der Küche, einen Teller mit Curry in der Hand.
„Hier, iss erst einmal“, sagt er lächelnd. „Dann gehen wir schlafen. Morgen wartet ein neuer Tag auf dich.“
Und damit verabschieden wir uns für heute von Marie und ihren Göttern.