5. Im Spiegel der Stille

Collage - Athene und Zeus

-EPISODE 5 | STAFFEL 2-

Sechs Wochen später sitze ich im Kloster. Acht Frauen – jede auf der Suche, jede in sich selbst vertieft. Vorträge, Austausch und Reflexion wechseln sich mit Zeiten der Stille ab. Ich sitze auf meinem Schemel, mit meinem nagelneuen Notizbuch, etwas Meditationserfahrung, wachem Kopf und offenem Herzen.

Zuerst spüre ich nur die Unruhe in mir. Gedanken wirbeln durcheinander, Pläne, Erinnerungen, ein ständiges „Was wäre, wenn …“. Hektische Suche. Alles drängt, alles will gleichzeitig. Doch allmählich legt sich das Durcheinander, ohne dass ich es bewusst lenke. Mein Herzschlag, ein leichtes Zittern in den Händen, das Rascheln der Blätter im Wind – alles wird deutlicher. Schritte auf Kies, das Klappern von Stiften auf Papier, eine entfernte Glocke – Geräusche erreichen mein Ohr, ohne dass ich ihnen folgen muss. Mein Denken verlangsamt sich. Ein leerer Raum öffnet sich in mir, ruhig und weit.

Am letzten Abend setze ich mich draußen auf eine Bank. Das Licht ist kühl und still geworden. Ein großer blauer Vogel gleitet über den Garten. Nach ein paar Runden landet er auf einem nied-rigen Ast direkt neben mir. Sein Gefieder glänzt, seine Augen funkeln aufmerksam, neugierig, fast frech.

„Und?“ fragt er mit spöttischem Blick. „Weißt du nun, was ich bin?“
„Ja… weiß ich.“ Ich schaue der Sehnsucht fest in die Augen.
„Na, da bin ich ja mal gespannt.“

Ich schlage mein Notizbuch auf und lasse meine Gedanken wandern. Ein Gedicht von Erich Fried fällt mir ein: Was es ist. Mein Stift beginnt zu schreiben.

Sehnsucht.
Sie ist nicht messbar, sagt die Vernunft.
Sie ist unverfügbar, sagt die Intuition.
Sie tut weh, sagt die Angst.
Sie macht dich stark, sagt der Mut.
Sie ist Licht, sagt die Hoffnung.
Sie wandelt sich, sagt die Erfahrung.
Sie ist, sagt die Kontemplation.

Die Sehnsucht hört mir aufmerksam zu. Jetzt lächelt sie zufrieden und streckt stolz ihren langen Hals.
„Nun bist du an der Reihe“, fordere ich sie auf, „sag, wohin führst du mich?“

Majestätisch erhebt sich der blaue Vogel, zupft sein Gefieder zurecht und steigt in die Lüfte.
„Einmal noch!“, ruft die Sehnsucht mir zu. „Einmal noch möchte ich einen Mann lieben. Aus tiefs-tem Herzen.“
„Ich dachte, das sei vorbei…“, flüstere ich.
„Es ist nie vorbei.“ kichert der Vogel.

Eine Träne läuft mir über die Wange.
„Was noch?“ rufe ich in den Himmel.
„Spuren.“ krächzt mir die Sehnsucht zu.
„Spuren?“
„Ja. Ich sehne mich danach, dass etwas bleibt von mir, wenn ich gestorben bin.“ und mit diesen Worten lässt sie sich auf dem Baum neben mir nieder.
„Oh je, das wird schwer“, seufzt der Verstand in mir. „Was noch?“

Die Sehnsucht denkt nach und sagt dann:
„Verbundenheit. Ich möchte mich mit Menschen verbunden fühlen, miteinander wachsen, Be-gegnungen schaffen.“
„Das klingt so wolkig. Geht es nicht konkreter?“
Die Sehnsucht lacht. „Nein, das geht gerade nicht. Für das Konkrete bist du zuständig – ich bin nur die Sehnsucht.“ Ihre blauen Federn leuchten im letzten Licht. Sie steigt wieder auf in den, dreht elegante Schleifen am Himmel ab und ruft noch einmal direkt in mein Herz hinein:
„Und Ruhe? Ruhe gebe ich noch lange nicht.“