
-EPISODE 4 | STAFFEL 2-
Samstagabend. Eine Platte mit kleinen Köstlichkeiten, Rotwein, im Hintergrund entspannende Musik. Ich habe ein Tête-à-Tête mit meinem Kairos. Wir sitzen auf einer Chaiselongue, in gewohnter Vertrautheit, plaudern.
Ich habe Kairos zu mir eingeladen. Diesmal nicht nur aus reiner Lust, Zeit mit ihm zu verbringen, sondern weil ich mir eine konkrete Antwort von ihm erhoffe. Seit einiger Zeit fühle ich in mir eine starke Sehnsucht. Aber wonach? Ich kann es nicht fassen, nicht benennen. Dieses namenlose Verlangen kommt nicht von ungefähr.
Seit einigen Wochen bin ich zurück von fünf Monaten Philosophiestudium in Krakau – erfüllt von intellektuellen Herausforderungen, berührenden Begegnungen und dem einzigartigen Rhythmus dieser Stadt. Jüdisches und Christliches, Tradition und Moderne, Piroggen und asiatische Fusion-Küche verschmelzen hier zu einer dichten Atmosphäre lebendiger Geschichte. Ich fühle mich gesättigt – und habe doch Appetit auf mehr. Ich will noch tiefer in das pulsierende Gefühl des Lebens eintauchen. Was genau ich damit meine, weiß ich selbst nicht. Dieses Verlangen kann ich nicht benennen, nicht begreifen, schon gar nicht klar vor meinem inneren Auge sehen.
Kairos! Er wird mir sicherlich helfen können! Mein göttlicher Freund Kairos mit seinem spöttischen, aber meist wohlwollenden Blick auf uns Irdische. Kairos, der mir schon so oft in meinem Leben günstige Augenblicke geschenkt hatte. Er würde mich auch jetzt nicht im Stich lassen.
Ich erzähle ihm von meiner vagen Sehnsucht und schaue ihn erwartungsvoll an. Doch Kairos winkt ab:
„Liebes, du weißt doch, ich bin der Gott des günstigen Zeitpunktes, des entscheidenden Augenblicks. Ich öffne dir den Raum der Möglichkeiten, deine Sehnsüchte zu leben. Aber eines vermag ich nicht: dir sagen, wonach du dich sehnst. Das musst du schon selbst herausfinden.“
Blöd. Hatte ich mir doch genau das von ihm erhofft! Aber ich lasse nicht locker. Wenn nicht er, vielleicht ein anderer?
„Gibt es denn in deinem Götterhimmel niemanden, der für die Sehnsucht zuständig ist?“
Kairos schenkt sich ein Gläschen Rotwein nach und schließt genüsslich die Augen. Dann sagt er:
„Ja, natürlich, und zwar nicht nur einen. Sehnsucht ist vielschichtig.“
Ich bin gespannt. Kairos fährt fort:
„Zunächst wäre da Eros – er steht für die Sehnsucht nach der anderen Hälfte. Ihr Menschen wart einst kugelförmige Wesen mit vier Armen, vier Beinen und zwei Gesichtern. In eurem Übermut wolltet ihr den Himmel stürmen. Dafür bestrafte euch Zeus, indem er euch teilte.“
Ich bin verblüfft. Davon hatte ich noch nie gehört. Aber Kairos war noch nicht fertig:
„Seitdem leidet ihr tief an eurer Unvollständigkeit und sucht verzweifelt nach der anderen verlorenen Hälfte.“
Meine Gedanken rattern. Aber Kairos ist noch nicht fertig.
„Dann gibt es noch Himeros, den Gott der liebenden Sehnsucht und des sexuellen Verlangens.“ Ich ignoriere seinen bedeutungsvollen Blick und seine rhetorische Pause. „Und weiter?“
„Schließlich Pothos. Er lässt euch Menschen in die Ferne blicken, voller Sehnsucht nach dem Unerreichbaren.“
Aha. So richtig verstanden habe ich es noch nicht.
„Und wie können sie mir helfen, meine eigene Sehnsucht zu verstehen?“
„Dir wird schon was einfallen, Liebes.“
Kairos erhebt sich, nimmt mich in den Arm, haucht mir zwei Küsse rechts und links auf die Wangen und schwebt mit seinen geflügelten Füßen davon.
Da sitze ich nun, die diffusen Gefühle in mir, die Fragen unbeantwortet. Eros? Den kenne ich, aber der ist ja dauernd beschäftigt. Himeros und Pothos – nie von ihnen gehört – sie fühlen sich für mein Anliegen zu fremd an. Wohl oder übel müsste ich also selbst auf die Suche nach einer Antwort gehen.
Ich gehe zum Schreibtisch, klappe den Laptop auf, öffne den Browser und tippe zwei Worte in die Suchleiste: „Sehnsucht verstehen“. Nach einigem Scrollen und Lesen finde ich, was ich suche: „Die Kraft der Sehnsucht“, ein dreitägiger Kurs in einem Kloster. Ich buche.